Archiv für April 2007

TOP-Veranstaltung in Kreuzberg zum Dritten – Über den Zusammenhang von Form und Kampf

Nochmal ein Beitrag um zu vertiefen, warum ich die Diskussion die auf der TOP-Veranstaltung am 25.04.07 in Berlin-Kreuzberg lief, symptomatisch für ein Dilemma steht, in dem die radikale (Theorie)-Linke in der BRD im Moment meiner Meinung nach steckt.

Um meine Argumentation zu stützen will ich auf die Thesen einer „Authorität“ zurückgreifen. Und zwar auf die, wie ich finde interessanten Thesen von Alexander Gallas in seinem Text „Das Kapital mit Poulantzas lesen. Form und Kampf in der Kritik der politischen Ökonomie“ aus dem kürzlich erschienenen Sammelband „Poulantzas lesen“:

Gallas macht gegenwärtig grundsätzlich zwei ernstzunehmenden „marxistischen“ Theoretikerfraktionen aus (die ML-Theoretiker und Theoretikerinnen lassen wir mal bewußt außen vor), denen er beiden (im Rückgriff auf Poulantzas) eine reduktionistische Sicht vorwirft.
In der blauen Ecke: Die Kritiker von Veränderungsillusionen. Er nennt Moishe Postone als (prominentes) Beispiel, auf den Abend mit TOP in Kreuzberg bezogen seien hier Nadja Rakowitz und Ingo Elbe genannt. In der roten Ecke: Die Kritiker von Unveränderbarkeitsillusionen. Er nennt den Promi John Holloway, in unserem Beispiel natürlich Uli Brand. Gallas schaut mit Poulantzas was die jeweiligen Lager zum Verhältnis von Form (ökonomische Formen) und Kampf (Konflikte innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft) zu sagen haben. Seine Kritik an der blauen Ecke: Sie negieren, dass Kampf die Form durchbrechen kann. Für unser Beispiel heißt das: Ob Gipfelprotest in Heiligendamm oder Kampf gegen Hartz 4, am Kapitalismus ändert das sowieso nichts, also lassen wirs lieber gleich bleiben. Seine Kritik an der roten Ecke: Es wird behauptet das antikapitalistischer Widerstand bereits immer schon vor der Form existiert. Holloway: “ Ich nehme als Ausgangspunkt, dass wir den Kapitalismus zerstören wollen.“ Für unser Beispiel heißt das: Hauptsache mit möglichst vielen ab nach Heiligendamm und möglichst Rabatz machen, denn jeder Kampf ist per se schon gegen den Kapitalismus als solchen gerichtet.

Gallas Ziel ist es, im Rückgriff auf Poulantzas „Staatstheorie“ beide reduktionistischen Standpunkte zu überwinden. Sein Blick fällt dabei auf das „Kapitel über den Arbeitstag“ im ersten Band des Kapital, in dem Marx das Verhältnis von Form und Kampf thematisiert. Gallas Argumentation lässt sich wie folgt zusammenfassen: Form und Kampf existieren im Kapitalismus in- und durcheinander. Zwar bedarf es dem Klassenkampf, um die Bedingungen für die Vernutzung der Ware Arbeitskraft zu etablieren, d.h. Kämpfe können systemimmanent sein. Aber: Die Kämpfe sind durch die ökonomischen Formen nicht vollständig determiniert, sie könnten also durchaus über diese hinausweisen. Sein Fazit: „Im Hinblick auf eine antikapitalistische Strategie lässt sich sagen, dass Kämpfe weder notwendig systemtranzendierend, noch notwendig systemimmanent sind. Insofern gibt es keinen prinzipiellen Grund, nicht in sie zu intervenieren bzw. an ihenen mitzuwirken.“ Das heißt: Kämpfen lohnt sich, zuhause bleiben nicht unbedingt.

Was kann und muss Theorie leisten um die notwendigen Kämpfe gegen den „Kapitalismus 2007″ zu unterstützen? Eine Antwort ist zumindest an besagtem Abend in Kreuzberg ausgeblieben. Das Dilemma zwischen roter und blauer Ecke bleibt bestehen. Kann vielleicht ein „wiederentdeckter“ Autor wie Poulantzas Lösungsansätze bieten?

Ein Abend mit TOP in Kreuzberg – symptomatisch für ein Dilemma der Linken?

Eigentlich wollte ich ja nur auf die Kommentare zum letzten Beitrag antworten, jetzt ist das Ganze aber ganz schön lang geworden und ich habe mich entschlossen einen neuen Beitrag draus zu machen, weil ich das für übersichtlicher halte:

In gewisser Weise war die TOP-Veranstaltung in Kreuzberg symptomatisch für ein Dilemma in dem die Linke in Deutschland meiner Meinung nach im Moment steckt. Auf der einen Seite gibt es eine ganze Reihe Theoretiker wie Heinrich, Rakowitz, Stützle usw. die sich an Marx abarbeiten. Das ist gut und richtig finde ich. Das Problem was ich damit habe: es geht dabei immer „nur“ um den Kapitalismus in seinem ideellen Durchschnitt. Was (noch) fehlt, ist den Bogen zu kriegen zu den „Themen der Bewegungslinken“ (bikepunk 089). Auf der anderen Seite ist dann eben diese Bewegungslinke mit ihren „Theoretikern“ zu denen ich den Uli Brand zählen würde. Die arbeiten sich ausschließlich an bestimmten Ausprägungen des „Kapitalismus 2007″ ab (prekäre Beschäftigungsverhältnisse, Zwangsumzüge, G8-Gipfel usw.) ohne eine genaue Vorstellung vom „großen Ganzen“ zu haben.
Das Dilemma das ich sehe: Bei den einen taugt die Theorie nicht für eine politische Praxis und bei den anderen muss die Praxis zwangsläufig ins Lehre laufen, weil das theoretische Verständnis vom Gesamtzusammenhang fehlt. Das beide Seiten nur schwer zusammenfinden, obwohl sie das gleiche Ziel haben, hat man eben an besagten Abend in Kreuzberg gesehen.
Fast tragisch, wie die Veranstaltung für mich endete: Ich war schon an der Tür und wollte gehen, als praktisch im Nachhall noch ein MGler „seine Platte auflegte“. Zum Eindruck des Dilemmas gesellte sich dann zu allem Überfluss noch, der faulige Geruch modriger Ideen…

Ist Nadja Rakowitz unpolitisch?

Eine unter dem Strich lohnende Veranstaltung war die Podiumsveranstaltung von TOP Berlin mit dem Titel „Gegenstandsbestimmungen für eine emanzipative Politik“ am 25. April in Berlin-Kreuzberg.

Angetreten waren Nadja Rakowitz, Ingo Elbe, Ulrich Brand und ein Vertreter von TOP Berlin um über das Verhältnis der radikalen Linken gegenüber den anstehenden Anti-G8-Protesten zu diskutieren.
Die Diskusion began zunächst äußerst zäh. Denn Rakowitz und Elbe tasteten sich auf einer eher „form-analytischen“ an die Thematik heran. Wobei es Elbe fertig brachte, dass Thema G8 so gut wie ganz zu umschiffen. Nadja Rakowitz Einschätzung fiel eindeutig aus (und wurde von Elbe und dem Vertreter von TOP geteilt): es gibt nur Kapitalismus[a] und Kommunismus[b] , was wir brauchen ist [b] und dafür müssen wir [a] abschaffen und zwar sofort! Eine durchaus charmante Einschätzung, gegen die ja eigentlich nicht einzuwenden ist, oder doch? Uli Brand, der wals letzter an die reihe kam, hatte sehr wohl was gegen diese (vereinfachte?) Sicht auf die Dinge vorzubringen. Er warf Nadja Rakowitz sogar vor, damit eine unpolitische Forderung in den Raum zu stellen. Obwohl ich Uli Brands Ausführungen an diesem Abend nicht uneingeschränkt unterschreiben würde, bin ich der Meinung, dass er mit diesem Vorwurf etwas richtig getroffen hat. Rakowitz und Elbes Vorträge waren zwar Marx-Exegese auf hohem Niveau über die spezifische Ausformung des Kapitalismus im Jahr 2007 und mögliche Strategien zu dessen Überwindung, haben sie aber kein Wort verloren. Mich hat dieser Abend jedenfalls in meiner Ansicht bestärkt, dass eine gründliche Marx-Lektüre zwar wichtig und richtig ist, aber dass zum theoretischen Handwerkszeug heute (wie auch schon zu Marx Zeiten) mehr gehören muss. Denn es gilt ja schließlich nicht den Kapitalismus in seinem ideelen Durchschnitt zu überwinden, sondern ganz konkret die Kapitalismen die heute 2007 in der Realität vorfindbar sind zu transformieren. Mit der Feststellung „man muss halt den Kommunismus einführen“ alleine, wird man diesem Ziel kaum näher kommen. Es gilt erst mal den weiten Weg von [a] nach [b] zu gehen. Dafür allerdings ist erstens nötig, über theoretisches Rüstzeug auf der Höhe der Zeit zu verfügen und zweitens muss auch der Wille vorhanden sein, in der Praxis erste Schritte in Richtung von [b] zu unternehmen. Die Texte einer Nadja Rakowitz sind natürlich noch lange nicht „unpolitisch“, aber über den spezifischen „Kapitalismus im Zeitalter der G8″ scheint sie wenig zu sagen zu haben wodurch sie als Handreichungen für eine politische Praxis leider kaum zu gebrauchen sind.

Die Sozis schlagen zurück – „Thierse attackiert Nicht-Wähler“

Pöbel-Schelte von Sozi Thierse. „Da haben wir dem Mob schon auf Hartz IV gesetzt“, mag er sich gedacht haben, „bzw. lassen ihn bis 67 schuften und er will immer noch nicht sein Kreuzchen machen!“ Wie kommts nur Wolfgang?…

Thierse attackiert Nicht-Wähler – Die historisch niedrige Beteiligung an der Kommunalwahl in Sachsen-Anhalt sorgt weiter für Diskussionen. Bundestagsvizepräsident Thierse übte an den Nicht-Wählern scharfe Kritik. Eine große Rolle spiele in Sachsen-Anhalt offenbar Desinteresse und Faulheit. Es sei bestürzend, dass sich die Menschen nicht mehr an der Politik beteiligten und die Gesellschaft damit zu einer Zuschauer-Demokratie werde. Der frühere Ministerpräsident Höppner sagte, die Wähler in Sachsen-Anhalt interessiere es nicht, was auf der politischen Bühne passiere. Sie glaubten auch nicht mehr daran, mit ihrer Stimme irgendwas bewegen zu können.

[MDR]

Übrigens: Übler Verdacht! Ist Höppner ein MGler („Sie glaubten auch nicht mehr daran, mit ihrer Stimme irgendwas bewegen zu können“) ?

Berliner Kurier deckt auf : „Chaoten verhöhnen Polizeipräsident“

Bloggen ist was für Besserwisser, Nörgler und Verwirrte? Mag sein! Lesen tuts doch sowieso niemand? Stimmt nicht! Manche Journalisten tun es offenbar.

Der „Berliner Kurier“ hat mal wieder gezeigt, das er sein Ohr ganz dicht an Berlins „Autonomer Szene“ hat und wartet heute mit einer Exklusiv-Story der Sonderklasse auf: Chaoten, die sich im Internet über die Polizei lustig machen!

Mit ihrem kopflosen Pannen-Einsatz gegen 200 linke Randalierer hat sich unsere Polizei mächtig blamiert. Erst nur zugucken, dann nicht durchgreifen. Über die „Samthandschuh“-Taktik von Polizeichef Dieter Glietsch (59) lachen sich die Chaoten kaputt.
Die Polit-Rowdys feiern ihre Gewaltexzesse vom Wochenende als Heldentaten. Während Pflastersteine durch die Rigaer Straße flogen, ließen linke Propagandisten ihrer Krawall-Freude im Internet freien Lauf: „Hammer, jetzt geht’s ab! Und die Polizisten stehen sich die Beine in den Bauch – von meinen Steuergeldern!“, ätzte ein Chaot. „Kleine Polizei-Autos mit kleinen Polizisten drin. Die Staatsmacht scheint das drohende Unheil nicht für voll zu nehmen.“
Die Hass-Texte verherrlichen stumpfe Gewalt: „Feuer konnte ich keine entdecken, aber das wird noch.“ Es wurde. Barrikaden brannten, Autos gingen in Flammen auf. „Ein untrüglicher Beweis für Kampfbereitschaft.“ So viel unglaubliche Dummheit!
Eines aber haben diese Rowdys klar erkannt: Die Polizei ist ihnen nicht gewachsen.

In welchen geheimen Chaoten-Chat-Room hatte sich da der findige „Berliner Kurier“-Schreiberling wohl reingehackt? Hatte er sogar Zugriff auf klandestine Autonomen-Seiten im Netz? Pustekuchen, mir kamen die Zitate gleich merkwürdig vertraut vor. Das hatte ich doch alles schon mal auf einem dieser blogs gelesen, oder? Wenn das mal kein Ansporn für uns „blog-Chaoten“ ist! Wer weiß vielleicht schaffts zum 1. Mai einer bis in die Bildzeitung.