Ist Nadja Rakowitz unpolitisch?

Eine unter dem Strich lohnende Veranstaltung war die Podiumsveranstaltung von TOP Berlin mit dem Titel „Gegenstandsbestimmungen für eine emanzipative Politik“ am 25. April in Berlin-Kreuzberg.

Angetreten waren Nadja Rakowitz, Ingo Elbe, Ulrich Brand und ein Vertreter von TOP Berlin um über das Verhältnis der radikalen Linken gegenüber den anstehenden Anti-G8-Protesten zu diskutieren.
Die Diskusion began zunächst äußerst zäh. Denn Rakowitz und Elbe tasteten sich auf einer eher „form-analytischen“ an die Thematik heran. Wobei es Elbe fertig brachte, dass Thema G8 so gut wie ganz zu umschiffen. Nadja Rakowitz Einschätzung fiel eindeutig aus (und wurde von Elbe und dem Vertreter von TOP geteilt): es gibt nur Kapitalismus[a] und Kommunismus[b] , was wir brauchen ist [b] und dafür müssen wir [a] abschaffen und zwar sofort! Eine durchaus charmante Einschätzung, gegen die ja eigentlich nicht einzuwenden ist, oder doch? Uli Brand, der wals letzter an die reihe kam, hatte sehr wohl was gegen diese (vereinfachte?) Sicht auf die Dinge vorzubringen. Er warf Nadja Rakowitz sogar vor, damit eine unpolitische Forderung in den Raum zu stellen. Obwohl ich Uli Brands Ausführungen an diesem Abend nicht uneingeschränkt unterschreiben würde, bin ich der Meinung, dass er mit diesem Vorwurf etwas richtig getroffen hat. Rakowitz und Elbes Vorträge waren zwar Marx-Exegese auf hohem Niveau über die spezifische Ausformung des Kapitalismus im Jahr 2007 und mögliche Strategien zu dessen Überwindung, haben sie aber kein Wort verloren. Mich hat dieser Abend jedenfalls in meiner Ansicht bestärkt, dass eine gründliche Marx-Lektüre zwar wichtig und richtig ist, aber dass zum theoretischen Handwerkszeug heute (wie auch schon zu Marx Zeiten) mehr gehören muss. Denn es gilt ja schließlich nicht den Kapitalismus in seinem ideelen Durchschnitt zu überwinden, sondern ganz konkret die Kapitalismen die heute 2007 in der Realität vorfindbar sind zu transformieren. Mit der Feststellung „man muss halt den Kommunismus einführen“ alleine, wird man diesem Ziel kaum näher kommen. Es gilt erst mal den weiten Weg von [a] nach [b] zu gehen. Dafür allerdings ist erstens nötig, über theoretisches Rüstzeug auf der Höhe der Zeit zu verfügen und zweitens muss auch der Wille vorhanden sein, in der Praxis erste Schritte in Richtung von [b] zu unternehmen. Die Texte einer Nadja Rakowitz sind natürlich noch lange nicht „unpolitisch“, aber über den spezifischen „Kapitalismus im Zeitalter der G8″ scheint sie wenig zu sagen zu haben wodurch sie als Handreichungen für eine politische Praxis leider kaum zu gebrauchen sind.


16 Antworten auf “Ist Nadja Rakowitz unpolitisch?”


  1. 1 Schatten.kontrastieren 27. April 2007 um 20:30 Uhr

    Vielen dank für die knappe (und hoffentlich treffende) Zusammenfassung. Mal die Frage ins Leere: Wird das von Anderen so geteilt?

  2. 2 lincoln 27. April 2007 um 20:38 Uhr

    Noch eine Frage: Besteht die Chance, dass man sich das mal anhören kann? Einen Mitschnitt wird’s ja wohl geben …

  3. 3 tobias 27. April 2007 um 20:53 Uhr

    Okay, jetzt wissen wir, dass dir „Marx-Exegese auf hohem Niveau über die spezifische Ausformung des Kapitalismus im Jahr 2007″, also die korrekte Erklärung des Gegenstandes, dir nicht reichen und du auch noch „konkret Kapitalismen […] transformieren“ willst. Was das genau bedeuten soll bleibt ebenso unklar wie die Frage wie derartige „erste Schritte“ aussehen sollen. Letztlich bleibst du damit genauso nebulös wie du es Elbe und Rakowitz vorwirfst und suchst blind weiter nach einem Sinnstiftungsangebot, um deiner Praxis revolutionäre Weihen zu verleihen.

  4. 4 Juli 27. April 2007 um 21:06 Uhr

    @tobias

    naja, elser hatte ja auch weniger zeit/platz ,-)

    prinzipiell ist doch aber ein – wie ich finde – wesentliches problem benannt: viele analytische marxologInnen haben m.E. vergleichsweise wenig zur aktuellen situation zu sagen. auch bei michael heinrich beispielsweise bleiben die ausführungen meist auf einem eher oberflächlichen niveau.

    und ein problem bleibt stets offen: wie kommen wir von a) nach b). solange die linke da keine antwort drauf hat, wird’s schwierig. und wenn marx dann sagt, der kommunismus sei die bewegung, die den weg von a) nach b) beschreitet (deutsche ideologie), dann heißt es auch genau zu lesen:der kommunismus ist da nämlich „die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt.“

    das heißt: nicht die idealtypische bewegung. und nicht „den idealtypischen zustand aufhebt“. sondern eben: die reale bewegung die den realen und 2007 existenten kapitalismus aufhebt. was die wertkritisch-antikapitalistische linksradikale aber nicht wirklich zu interessieren scheint. weshalb es elser wohl auch kaum vorzuwerfen ist, das er die antwort nicht aus dem hut zaubern kann. sach ich mal…

  5. 5 TTom 27. April 2007 um 21:56 Uhr

    Ulrich Brand fand ich eher peinlich und es erschloss sich mir auch nicht, warum TOP einen Buko-Menschen einlädt, der von Marx wahrscheinlich nur die Klappentexte gelesen hat. Nicht dass ich Marx-Lektüre als Voraussetzung für einen Podiumsplatz bei einer solchen Veranstaltung betrachte(naja vieleicht ein wenig schon), aber seine Beiträge gingen nicht über das hinaus, was jeder Wursthaar-Hippie dir auch erzählen würde. Mit so einem Vortrag wird man vieleicht Professor, aber so was muss doch nicht auf einer linksradikalen Veranstaltung kommen.
    Elbe und Rakowitz ergingen sich souverän in ihrer Marx-Analyse, wobei sie den Veranstaltungshintergrund größtenteils ignorierten.
    Etwas überraschend kam das sehr offensive „wir sind Bewegungslinke“ von TOP, was ja auch nicht in Frage steht, aber sich so offensiv gemein zu machen mit den Hinz&Kunz die auch gegen den G8 sind überraschte dann doch etwas. Auch die Auswahl der ReferentInnen überraschte, da es sich ja nicht um ein Marx-Seminar handelte, bzw. eine Buko-AG.
    Interessant war, dass die Teilnahme am G8-Protest überhaupt nicht zur Disposition stand, sondern dies offensichtlich Konsens war unter allen ca. 150 BesucherInnen(mit kleinen Ausnahmen), ReferentInnen und VeranstalterInnen.
    Alles in allem nicht wirklich lohnend, entweder war es 100mal Gehörtes von Ulrich Brand oder Marx-Einführung, die man auch schon irgendwo mal gelesen oder gehört hatte.

  6. 6 tobias 28. April 2007 um 1:09 Uhr

    Ich glaube kaum, dass Rakwitz und Elbe während der Aktionen zum G8 Gipfel dabei sein werden… soviel zum Thema „Konsens“. Wenn irgendwelche Leute ihren Abenteuerurlaub gerne beim G8 Gipfel verbringen ist das ihre Sache, sie sollen mich doch bitte einfach nicht mehr damit nerven. Wer ernsthaft glaubt es könnte für die DEUTSCHE Linke etwas anderes beim Gipfeltreffen rumspringen als eben ein solcher Trip, leidet an massivem Realitätsverlust.

  7. 7 cindy 28. April 2007 um 10:47 Uhr

    1. mitschnitte gibt es und werden veröffentlicht
    2. ums ganze ist kein anti g8 bündnis, sondern längerfristig angelegt.
    3. was ums ganze in rostock macht, ist noch überhaupt nicht klar.
    so zumindest meine, in der regel verläßlichen infos

  8. 8 bikepunk 089 28. April 2007 um 12:48 Uhr

    Teile der Marxologen sind meiner Einschätzung nach von krasser Intellektueller Eitelkeit und einem Bedürfnis, sich von der wursthaarigen Bewegungslinken ab zu grenzen geprägt. Daraus folgt dann bestenfalls eine gewisse Scheu, sich mit den Themen dieser Bewegungslinken zu befassen. Schlimmstenfalls kommt so was raus wie z.B. Mario Möllers Dreck damals in der Jungle. Eine andere Stilblüte ist die, haarklein anhand von Marx zu erklöären, warum die Verhältnise beschissen sein müssen (etwa warum Existenzgeld nicht höher sein kann als ALG II), und keine Gedanken an die Strategie zur überwindung derselben zu verschwenden.
    Eine Grundsätzliche Kritik am Kapitalismus ist wichtig, aber auch pointless wenn sich mensch zu fein ist sie tatsächlich auf die reellen Verhältnisse anzuwenden.

  9. 9 schorsch 29. April 2007 um 1:23 Uhr

    nocheinmal nachgehakt: wo werden die redebeiträge veröffentlicht?

  10. 10 beaver 29. April 2007 um 3:52 Uhr

    „Eine andere Stilblüte ist die, haarklein anhand von Marx zu erklöären, warum die Verhältnise beschissen sein müssen (etwa warum Existenzgeld nicht höher sein kann als ALG II), und keine Gedanken an die Strategie zur überwindung derselben zu verschwenden.“
    bikepunk, die Erklärung IST die „Strategie zur Überwindung“. Die „reelen Verhältnisse“ sind nicht nach einem Ideal zu modifizieren, sondern, nachdem man sie sich erklärt und für unvernünftig befunden hat, abzuschaffen. Das Mittel heißt Revolution, nicht konstruktive Intervention in den laufenden Laden.

  11. 11 bikepunk 089 29. April 2007 um 17:36 Uhr

    @beaver
    Nö, eine Erklärung ist eine Erlärung, eine Strategie ist was ich tue.
    Aber worauf ich hinauswollte, ist der angewohnheit den Kapitalismus als in sich geschlossene, logische, determinisitsche Struktur zu begreifen, in der so eine Kleinigkeit wie Klassenkampf keine rolle mehr spielt. Ganz schlimm wirds wenn daraus eine Verteidigung der gegenwärtigen Ausprägung der Verhältnisse wird.

  12. 12 beaver 30. April 2007 um 2:38 Uhr

    O.K., bikepunk, war ein wenig unüberlegt formuliert meinerseits. Die Erklärung ist natürlich nur der Grund der Ablehnung der existierenden Verhältnisse. Der Kapitalismus ist aber zumindest eine erklärbare und auch logische „Struktur“, vernünftig ist er keineswegs. Den Leuten Kapitalismus in all seiner Unvernunft zu erklären, zu sagen WARUM es halt grade ist wie es ist und nicht so, wie die Leute ihren Idealkapitalismus gerne hätten, ist aber zumindest TEIL, nämlich Voraussetzung, der Überwindung des selben. Ich denke, im Grunde sind wir uns einigermaßen einig. Worauf Du mit Deinem letzten Satz hinaus willst, weiß ich allerdings nicht und bitte Dich daher um Aufklärung. Dem unbedarften Leser scheint es so, als kämen Leute, die den Laden sich (marxistisch) erklären, darüber ausgerechnet zu einer Verteidigung des selben. Und das erscheint mir doch fragwürdig…

  13. 13 bikepunk 089 30. April 2007 um 13:56 Uhr

    @beaver
    Wo wir uns, glaube ich, uneinig sind, ist wieviel „subjektiver Faktor“ oder wie du es nennen willst im Kapitalismus drinstecken. Ich würde mal behaupten, dass wieviel von deinem Arbeitstag bezahlte Arbeit ist und wieviel davon Mehrarbeit, das wird allein durch den Klassenkampf bestimmt.
    Um deine Frage zu beantworten, verwandt mit dem obigen Punkt – Verteidigt wird nicht der Laden an sich, aber konkrete Ausprägungen desselben. Mein Beispiel wr ein Jungle Artikel von vor ein paar Jahren, in dem ziemlich losglöst von allen konkreten Umständen argumentiert wurde, dass ein Existenzgeld (damals hiess das BGE boch so) notwendigerweise nicht höher ausfallen kann als das ALG II. Die Erklärung war, wie gesagt, mangelhaft weil einige damalige Diskussionen ausgeklammert wurden, die durchaus Belang hatten für die Frage. Mein Kritikpunkt ist aber der, dass dadurch unter Rückgriff auf Marx argumentiert wird, was ansoinsten die Politiker_innen unter Rückgriff auf die VWL von sich gegeben haben – ein ALG II über dem damals angepeilten SAtz sei nicht möglich. Nochmal: in dem Artikel wurde nicht der Kapitalismus perse verteidigt, aber durch das Betonen der ach so subjektlosen Sachzwänge die aktuellen, politischen Massnahmen zur Erzeugung einer bestimmten Klassenzusammensetzung ins Reich der automatisch Determinierten Sachen hineinerklärt, und damit der Sphäre des politisch kritisier- und verhandelbaren entzogen – implizit sehr wohl eine Verteidigung.
    Ich hoffe, es ist ein bisschen klarer geworden was ich mit Verteidigung meinte.

  14. 14 Samuel Arret 01. Mai 2007 um 18:50 Uhr

    dass diese dichotomie zwischen radikalen und theoretischen, aber dafür unpolitischen positionen von elbe und rakowitz und nicht so radikaler, dafür aber politischer position von brand plötzlich diese diskussion bestimmt, liegt meines erachtens an ulis diskussionstrategie: er hat bei jedem seiner beiträge erst einmal damit eingeleitet, dass er hier die rolle des „reformisten“ zu spielen habe gegenüber den radikalen elbe/rakowitz. aber wer den beiden zugehört hat, hat diesen vorwurf an brand und überhaupt diese dümmliche dichotomie nicht bei ihnen gefunden. im gegenteil. rakowitz hat sich mehrfach davon distanziert, in so eine polarisch ausgemachte ecke geschoben zu werden – ohne sich natürlich von der radikalität zu distanzieren, sondern hat dafür plädiert, anders mit diesem problem umzugehen. das scheint aber uli brand nicht zu können. er kennt eben nur entweder oder… dass er jeweils elbe und rakowitz in nahezu allem recht gegeben hat, waren bloße lippenbekenntnisse. denn würde er ernsthaft teilen, was die beiden, die sich ja auch nicht einig waren, vorgetragen haben, könnte er nicht mehr seinen „imperiale lücke“-quatsch so einfach vortragen und müsste sich ebenfalls bemühen, das verhältnis von theorie und praxis, von revolution und reform und vieles andere mehr etwas komplexer zu diskutieren.
    samuel arret

  15. 15 Schatten.kontrastieren 02. Mai 2007 um 13:02 Uhr

    Vielleicht gibt’s die Diskussion ja auch endlich mal im Netz…

  16. 16 Schatten.kontrastieren 02. Mai 2007 um 15:39 Uhr

    Da hängt noch was im Spamfilter ;)

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