Archiv für Juli 2007

(Anti)deutsche, schaut mehr Tour de France!

Schande? Skandal? Das Ende des deutschen Radsports? Die dopen ja immer noch! Alle sind entsetzt. Wirklich alle? Nein ein paar wackere (Anti)deutsche sagen sich: Jetzt erst recht, wir lassen es uns doch von so ein paar Gutmenschen nicht vermiesen, dass tollste Radrennen der Welt in der Glotze zu kucken. Denn (wir hattens längst vermutet): Wer nicht die Tour de France kuckt, ist Antisemit (oder so ähnlich)!

Interessant finde ich jedoch den Artikel “Quäl dich, du Sau!” von Thorsten Fuchshuber in der aktuellen konkret, in dem dieser herausstellt, wie sehr die Dopinghysterie von Deutscher Ideologie mit antisemitischen Zügen geprägt ist. Ich zitiere:
“..Der Antisemit stellt sich das Kapitalverhältnis als ominöse Einrichtung zwecks betrügerischer Vermehrung des Geldes vor, wobei er als Akteur den jüdischen Wucherer halluziniert, um diesem “raffenden” Kapitalisten den in Schweiße seines Angesichts “schaffenden” Kapitalisten entgegenzustellen. Ähnlich phantasiert man in der aktuellen Debatte über die betrügerische Vermehrung der Kräfte des Sportlers durch Dopingmittel und die dadurch ausgelösten biochemischen Prozesse. Mit Hilfe dieser Substanzen würden “all die fairen Fahrer, die nie gespritzt, sondern nur hart trainiert haben…von Gaunern um die Früchte ihrer Arbeit gebracht” (Kölnische Rundschau). Daß es so oder so der Körper des Sportlers bleibt, der rücksichtslos ausgebeutet wird, ist egal. Da der politische Diskurs unter Beobachtung steht, flüchtet sich das antisemitische Ressentiment in die Alltagskultur. Dort findet es sein Residuum in der Sprache, wie Adorno sagte, und harrt der des Jargons kundigen Empfänger. Der Deutsche Olympische Sportbund forderte von seinen Mitgliedern derweil “die sogenannte Endkampfchance” (FAZ)- was bedeutet, daß ein deutscher Sportler auch ohne Dopingmittel gegen die gedopte Konkurrenz bestehen muß. Das “weltumspannende Lügenkartell des Radsports” (Stuttgarter Nachrichten) steht, so scheint´s, kurz vor Berlin. Und dann muß man noch auf den “Frontfahrer Jan Ullrich” (Nürnberger Nachrichten) verzichten. Aber so ist das eben, wenn “der Mammon das menschliche Handeln” (Westfälische Nachrichten) regiert.” (Thorsten Fuchshuber/konkret 7/07) [gefunden hier]

Ein tagespolitisch-aktuelles Thema, ein Antisemitismusvorwurf und ein Adorno-Zitat… und fertig ist ist der (anti)deutsche Artikel. So einfach geht antideutsche Kritik.

Clash of the antideutsche Projektionsflächen – Darfur vs. Israel

„Antideutsche“, Postantideutsche, selbst erklärte Neocons und Neu-Liberale haben alle etwas gemeinsam, sie teilen verschiedene Projektionsflächen mit denen sie uns die Welt erklären wollen. Diese Projektionsflächen nehmen häufig die Form von einigen Lieblings-Nationalstaaten an. Das Weltgeschehen (mindestens) der letzten 60 Jahre wird dann durch die Zerrbilder dieser Staatengebilde erklärt. Zwei Favouriten: Israel („der Klassiker“) und neu: die sudanesische Region Darfur („der Schocker“).

Heute bin ich auf einen Artikel in der Süddeutschen Zeitung gestoßen, der die beiden Projektionsflächen in unversöhnlicher Weise einander gegenüberstellt. Auf der einen Seite das „gelobte Land“, der israelische Staat und auf der anderen Seite die Flüchtlinge aus Darfur, die von der israelischen Regierung in schäbiger Weise rassistisch sonderbehandelt werden. Eine Sonderbehandlung allerdings, die auch hierzulande und in den meisten anderen Nationalstaaten der „westlichen Welt“ Standard ist:

Flüchtlinge aus Afrikas Krisenregionen glauben in Israel besonderes Verständnis für ihre Situation zu finden – sie erhalten aber kaum Hilfe

Abdullah al-Bakr ist verzweifelt: „Man hat uns versprochen, dass wir in Israel sicher sind. Aber jetzt will man uns abschieben. Wir dachten, gerade das jüdische Volk versteht uns.“ Der Familienvater aus Sudans Krisenregion Darfur ist einer von Hunderten sudanesischen Flüchtlingen, die seit Wochen in der Wüstenstadt Beerschewa auf Straßen, in Parks und in leeren Schulen campieren. Die Stadtverwaltung beklagt, sie habe kein Geld, um sich um die Flüchtlinge zu kümmern und fordert von der Regierung eine Lösung. Weil Jerusalem schwieg, demonstrierten Abdullah al-Bakr und etwa 60 Flüchtlinge am Sonntag – unterstützt von israelischen Menschenrechtsorganisationen – vor dem Parlament in Jerusalem. Doch der kollektive Aufschrei nutzte nichts. Die Sudanesen sollen, wie alle anderen 2400 in den vergangenen zwei Jahren gekommenen afrikanischen Flüchtlinge, schnell nach Ägypten abgeschoben werden – von woher sie eingereist sind.

Bis dahin arbeiten sie in Hotelküchen im Urlaubsort Eilat am Roten Meer, als Putzfrauen im Spa des Kibbuzes Ein Gedi, als Bewässerungshilfen auf den Karottenfeldern des Dorfes Cherev Laet. Eine Regierungssprecherin sagte am Montag, die meisten seien aus wirtschaftlichen Motiven nach Israel gekommen. Sobald ein Mechanismus für die Abschiebung nach Ägypten gefunden werde, werde damit begonnen. Kairo habe zugesagt, dass die Flüchtlinge in Ägypten bleiben könnten und nicht nach Sudan abgeschoben würden. Viele Flüchtlinge hatten aber angegeben, in Ägypten bereits misshandelt worden zu sein.
Regierungschef Ehud Olmert sagt, Israel könne es sich nicht leisten, zum Aufnahmeland Hunderttausender Afrikaner zu werden. Mark Regev vom Außenministerium sagte, dass Israel zwar großen Anteil nehme am Genozid in Darfur. Niemand werde in den Sudan abgeschoben. Israel habe aber nicht „die Kapazität“ für afrikanische Wirtschaftsflüchtlinge. Regev weist auch darauf hin, dass der muslimische Staat Sudan Israel als Feind betrachte. Die Flüchtlinge aus diesem Land stellten daher auch ein „großes Sicherheitsrisiko“ dar.