Gentrifizierung im Wartestand in Berlin Neukölln?

Wer nur ein Jahr weg war aus Berlin-Neukölln und wieder zurück in den „Reuter-Kiez“ gezogen ist, der wird jetzt eine Vorstellung davon haben, wie schnell sich eine schleichende „Gentrifizierung“ eines Stadtteils bemerkbar machen kann. Denn in Neukölns Weserstraße (die Straße an die auch die berühmt berüchtigte Rütli-Schule angrenzt) eröffneten in diesem Zeitraum fast ein Dutzend Kneipen, die sie explizit auf ein Künstler-Studi-Klientel eingerichtet sind. Auch die ersten Kunst-Mode-Lädchen gibt es inzwischen und die ersten klassischen Eckkneipen schließen und asiatische Restaurants beziehen schnurstracks die Ladenlokale. Mit der „Kneipen-Kultur“ verändert sich im Moment der Mietspiegel und zwar mit ähnlichem Nachdruck.
Im aktuellen „Mieter-Echo“ der Berliner Mieter Gemeinschaft findet sich ein ausführlicher Artikel des Stadt-Soziologen André Holm mit dem Titel „Endstation Neukölln oder Neuer Trendkiez?“zu der Thematik. Sein Fazit:

Zusammenfassend kann die Situation in Nord-Neukölln vielleicht als eine Gentrifizierung im Wartestand bezeichnet werden. Sowohl ökonomisch, als auch sozial und hinsichtlich des Nachbarschaftscharakters können Anzeichen einer Aufwertung beobachtet werden.

Ob sich eine tatsächliche Gentrifizierung mit ihren Verdrängungseffekten durchsetzen wird, ist vor allem davon abhängig, ob es in Zukunft gelingt, die sozialen und kulturellen Veränderungen in der Nachbarschaft von der wohnungswirtschaftlich gewünschten Aufwer-tung zu entkoppeln. Denn letztlich entscheiden die Mietpreise für Wohnungen und Gewerberäume, ob sich die bisherigen Bewohnergruppen im Gebiet werden halten können.

Noch ein paar interessante links zum Kiez:
Kreuzkoelln (blog zum“Reuter-Kiez“)
SilverFuture (mehr als eine gute neue Kneipe im Kiez)
Suspekt (eine (hoffentlich) gute neue Kneipe im Kiez, die es allerdings noch gar nicht gibt)
Kartographie Reuterkiez (Interaktiver Kiez-Plan)


9 Antworten auf “Gentrifizierung im Wartestand in Berlin Neukölln?”


  1. 1 Neoprene 01. Dezember 2007 um 11:46 Uhr

    Bis aus dem „neuen Trendkiez“ ein Tribeca-Nachfolger wird, wird viel Wasser die Spree runterfließen und viel Geld verbrannt werden. Auch wenn die ersten Makler schon mit diesem neuen angesagten Kiez werben. Aber womit werben die nicht?
    (Ich bin jedenfalls vor 20 Jahren da weggezogen und werde schon deshalb, weil ich eben 20 Jahre älter bin, da nicht wieder hinziehn.)

  2. 2 Schatten.kontrastieren 08. Dezember 2007 um 15:46 Uhr

    Oh – Herr Nachbar!

  3. 3 lothar eckstein 17. März 2008 um 22:48 Uhr

    …so ganz begriffen habe ich es noch nicht. Man hätte gerne, dass jemand renoviert, um einen umweltfreundlicheren, effizienteren neuen Gasbrenner einzubauen. Ausserdem neue Wasserrohre ohne Bleigehalt. Und eine Fassadenwäremschutzisolierung – denn wir tun ja was für den CO2 Footprint. Aber bezahlen so es der liebe Gott. Die Mieter jedenfalls nicht. Wie soll das gehen – wenn nicht über steigenden Mieten und somit Gentrifizierung? Statt zu versuchen, den Menschen in solchen Vierteln neue Chancen aufzuzeigen – für sozialen Aufstieg – hält man sie lieber mit Hartz4 und Quartiesrmanagement über Jahrzehnte ruhiggestellt. Versucht es mit Erstarrung statt mit Dynamik. Auf der ganzen Welt ist man inzwischen zur Einsicht gelangt, dass sozial abgestürzte Viertel in alten Metropolen, von Harlem bis Dowtown Detroit, immer nur mit Initiativen und Geld von Aussen zu retten sind. Gentrification, eben. Eine typisch Berliner und leider sehr provinzielle Haltung, die da zum Ausdruck kommt. Besonders lachhaft daran ist, das die, die am meisten gegen Gentrification plärren, genau die sind, die sie anstossen… genau die sind, die die Lawine lostreten. So sie denn kommt. Berlin kann froh sein, dass es an ein paar Ecken Gentrification gibt. Oder soll etwa der Prenzlauer Berg, Teile Pankows, Kreuzbergs und Friedrichshains ebenfalls flächendeckend mit Hartz4 alimenitiert werden?

  4. 4 blackone 23. März 2008 um 21:04 Uhr

    Soso. Und inwiefern führt jetzt die Wohnraumsanierung zu mehr Einkommen bei HausbewohnerIn M.Mustermensch?
    Sicher werden „strukturschwache“ Viertel nur mit Geld von außen „gerettet“. Das bringt aber ihren BewohnrerInnen nichts, die sind dann gezwungen in ein anderes („strukturschwaches“) Viertel zu ziehen, während in ihren (jetzt topsanierten) Wohnungen hippe Studenten und „alternative“ Künstlernaturen leben.

  5. 5 Hein 15. August 2009 um 23:25 Uhr

    „Asiatische Lokale“ statt „Zum Deutschen Krug“, sowas kann natürlich nur asozialen Yuppie-Studenten, wurzellosen Spekulanten, und abgehobenem Künstlergesocks zugutekommen.

    Nicht so gemeint? Dann schreibt es besser!

  6. 6 Seppi 30. Oktober 2009 um 16:44 Uhr

    zitat lothar eckstein

    t. Oder soll etwa der Prenzlauer Berg, Teile Pankows, Kreuzbergs und Friedrichshains ebenfalls flächendeckend mit Hartz4 alimenitiert werden?

    zitat ende

    Rassisten RAus aus dem Netz

    +++

    Nun es stimmt tatsächlich: Nordneukölln wird was das Wohnen betrifft sehr teuer. Das liegt aber nicht an irgendwelchen Studenten die hier – und nur noch hier – Wohnungen für WGs bekommen, die sie dann auch noch renovieren sollen.

    Vielmehr liegt es an unserem Gesellschaftssystem, dass solche Auswüchse von Eigentum erlaubt. Miete zahlen ist nun siche rnichts natürliches, oder ein Konses den die junge Generation akzeptieren wird.

    Es ist dann doch die bürgerliche Schicht mit ihren Eckkneipen, die arbeiten geht, aber kein Bewustsein für größere politische Zusammenhänge hat, die solche Genfrifizierungsmaßnahmen anstößt.

    Die Idee Miete ganz zu verbieten ist zur Zeit nicht umsetzbar. Sehr wohl könnten aber Enteignungsverfahren gegen diejenigen Hausbesitzer durchgeführt werden, die sich nicht um ihre Häuser kümmern und dennoch hohe Mieten verlangen. Eine Miete ist objektiv dann zu hoch, wenn sich ein Hartz IV Empfänger eine 1-Zimmerwohnung nicht leisten kann. (etwa 300€ Warm für 40-50qm)

    Es ist Zeit nicht nur durch zivilen Ungehorsam, sondern auch mithilfe der Reste des Rechtsstaates diese Verhältnisse umzuwerfen….

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